Hendrik SonnabendSchiedsrichter-Entscheidungen auf dem Spielfeld müssen fair sein. Welche Rolle spielt dabei das Größenverhältnis der Beteiligten? Die Wissenschaftler Dr. Hendrik Sonnabend und Giulio Callegaro von der FernUniversität in Hagen untersuchten gemeinsam mit Mario Lackner von der Johannes-Kepler-Universität Linz im Projekt "The Napoleon complex revisited: New evidence from professional soccer" das Verhältnis der Körpergröße bei Schiedsrichtern und Fußballspielern. Bestrafen Schiedsrichter Spieler, die im Verhältnis größer sind als sie, härter bei Vergehen, um fehlende körperliche Dominanz zu kompensieren?
Bild: Wirtschaftswissenschaftler Dr. Hendrik Sonnabend von der FernUniversität in Hagen, Foto: Hardy Welsch FernUniversität

Dazu haben sich die Forschenden mit Daten der deutschen Bundesliga zwischen 2014 und 2021 beschäftigt und dabei mehr als 2.340 Spiele analysiert. „Uns interessiert, inwiefern das Größenverhältnis zwischen Schiedsrichter und Spieler die Strafen der Spieler beeinflusst. Es kommt nicht auf die generelle Körpergröße an, sondern auf das Verhältnis“, erklärt Hendrik Sonnabend. Der Schiedsrichter kann daher trotzdem groß sein, zum Beispiel 1,85 m, aber der Spieler, den er bestraft, ist zwei Meter groß. Andersrum kann ein Spieler auch sehr groß sein, aber der Schiedsrichter ist im Verhältnis größer.

„Hier wird nach meiner Pfeife getanzt“

„Die Neigung dazu, härter zu bestrafen, ist zehn Prozent höher, wenn die Spieler deutlich größer sind als die Schiedsrichter, verglichen mit Situationen auf Augenhöhe“, sagt Sonnabend. Sie pfeifen eher ein Foul und greifen zu einer gelben Karte. Gerade in der ersten Halbzeit lässt sich der Effekt gut erkennen. „Es wird offensichtlich, dass Strafen genutzt werden, um Autorität zu demonstrieren. Wenn ihnen das nicht über physische Dominanz gelingt, gibt es eine Strafe, ganz nach dem Motto – hier wird nach meiner Pfeife getanzt“, sagt der FernUni-Wissenschaftler. In den zweiten Halbzeiten nehmen die „härteren“ Strafen wie gelbe Karten bei den im Verhältnis kleineren Schiedsrichtern ab. „Das kann daran liegen, dass die Spieler gemerkt haben, dass der Schiedsrichter Vergehen schnell ahndet.“

Umgekehrter Napoleón-Effekt

Die Forschenden stellten fest, dass es auch den umgekehrten Napoleón-Effekt gibt. „Wir haben uns auch die Situation angeschaut – ein größerer Schiedsrichter, der sozusagen nach unten bei einem kleineren Spieler schaut, ist bei seinen Strafen deutlich gnädiger.“ Spieler, die kleiner als sie sind, bestrafen sie um 16 Prozent weniger im Vergleich zu Situationen „auf Augenhöhe“. „Selbst sehr groß zu sein, gibt nach unserer Forschung eine gewisse Gelassenheit. Es ist schon auch augenscheinlich ein Unterschied, ob man zu jemanden hinauf oder herunter schauen kann.“ Dabei bleiben Schiedsrichter, die im Verhältnis größer sind als die Spieler, die ein Foul begehen, über die gesamte Spielzeit „entspannt“ und greifen nicht so häufig zu Strafen.

Die durchschnittliche Körpergröße bei männlichen Schiedsrichtern beträgt übrigens 1,86 m, während die Durchschnittskörpergröße bei männlichen Fußballern bei 1,84 m liegt. „Da sieht man schon, dass es eine Art von Selektion in diesem Arbeitsmarkt gibt und auch der erste Hinweis auf eine große Dominanz in dieser Profession“, stellt Hendrik Sonnabend fest. Er forscht im Bereich Arbeits- und Verhaltensökonomik und sieht den Sport als sein Labor, um einen Transfer auf unser Alltagsleben im Job zu erforschen. „Was wir hier untersucht haben, ist die untere Grenze des Effekts, denn Bundesligaschiedsrichter sind sehr gut ausgebildet und haben hohe Anreize faire Entscheidungen zu treffen.“

Autorität anders erreichen

Gerade Schiedsrichter müssen unparteiisch agieren. Auch sollte es keine Verzerrung in der Bewertung geben – auch im normalen Arbeitsalltag, wenn zum Beispiel Vorgesetzte mit ihren Beschäftigten sprechen. „Es ist jedoch natürlich naheliegend, dass man zu anderen Mitteln greift, wenn man sich nicht ernstgenommen fühlt – wie hier beispielsweise eine gelbe Karte.“ Dennoch kann man diesem Phänomen auch entgegenwirken, denn eine Bewertung egal, ob im Alltag oder im Fußball, sollte fair sein und nicht von anderen Merkmalen wie der Sympathie oder der Körpergröße verzerrt werden. „Wenn dieses Bewusstsein erreicht werden kann, gibt es auch andere Möglichkeiten, eine natürliche Autorität zu erreichen, zum Beispiel durch die Körpersprache oder die Wortwahl“, sagt Sonnabend. Die Forschenden regen an, solche Aspekte in Zukunft mehr zu beachten, wenn man Verzerrungen in Bewertungen bekämpfen möchte.
Quelle: FernUniversität in Hagen

logo2 neu fb

Aktuell sind 365 Gäste und keine Mitglieder online